Die meisten Pferdebesitzer denken bei Stress zuerst an Fütterung, Training oder Herdenkonflikte. Ein Faktor wird dabei oft übersehen: die Geräuschkulisse, in der ein Pferd seinen Alltag verbringt. Denise Schäfer erklärt in dieser Folge von „Pferde, Schäfer und Menschen“, warum Lärm für Pferde ein erheblicher, aber häufig unterschätzter Stressfaktor ist – und was sich dagegen tun lässt.
Was Pferde hören – und warum das relevant ist
Pferde haben ein deutlich anderes Hörvermögen als Menschen. Während wir etwa von 20 Hertz bis 20 Kilohertz hören, liegt der Hörbereich von Pferden zwischen rund 55 Hertz und 40 Kilohertz. Sie nehmen also viele hohe Frequenzen wahr, die uns entgehen – etwa das Laden eines Handys.
Besonders sensibel reagieren Pferde zwischen 1 und 16 Kilohertz. Genau in diesem Bereich liegen Vogelstimmen, Kinderstimmen, leises Pfeifen – und das Klirren von Metall, etwa wenn Boxentüren zugeknallt werden. Solche Töne sind für uns oft Nebengeräusche, für Pferde jedoch deutlich hörbar und potenziell belastend. Das gilt auch für Pferde, die dauerhaft in der Nähe von Autobahnen oder Stromleitungen stehen.
Was Studien zeigen
Mehrere Untersuchungen liefern dazu Anhaltspunkte. Jensen zeigte bereits 2006, dass Pferde auf Schallgeräusche mit erhöhtem Cortisolpegel reagieren – ein Stresswert, der bei dauerhaft hohen Werten auch mit Symptomen wie Cushing in Verbindung gebracht werden kann. 2012 wurde untersucht, wie sich die Herzfrequenzvariabilität bei Dauerbeschallung verändert: Sie verändert sich deutlich, und Geräusche zeigten sich als erheblicher Stressfaktor.
Padalino und andere untersuchten 2017 Transportgeräusche bei Pferden. In einer weiteren Studie diente Haarkortisol als Marker für chronischen Lärmstress – gerade bei chronischen Thematiken kann eine Haaranalyse hilfreiche Hinweise liefern. Insgesamt machen Management und Stallumgebung also einen deutlichen Unterschied, und eine Verbesserung muss nicht viel Geld kosten.
Woran sich eine akustische Überlastung erkennen lässt
An größeren, lauten Reitanlagen fällt auf: Pferde sind dort häufig nervöser und weniger entspannt, zeigen sich teilweise sogar aggressiv und haben mehr Magenprobleme. Etwa 70 bis 80 Prozent der Pferde haben ohnehin Magenthematiken – an lauten Anlagen finden sich auffällig häufiger entsprechende Zustimmungspunkte.
In vielen Fällen hat nicht die teure Therapie zur Gesundheit geführt, sondern ein Stallwechsel – oder schon die Tatsache, dass im ruhigeren Außenbereich eine Box frei wurde. Bevor ein umfangreiches Therapieprogramm beginnt, lohnt sich deshalb der Blick auf mögliche Stressfaktoren in der Haltung.
Auch das Ruheverhalten gibt Hinweise: Pferde schlafen polyzyklisch, also über den Tag verteilt in mehreren Phasen, statt wie Menschen mit einer durchgehenden Nachtruhe. In den Tiefschlaf kommen sie dabei nur im Liegen. Legt sich ein Pferd tagsüber und in der Herde hin, ist das ein gutes Zeichen dafür, dass es sich in seiner Haltung wohlfühlt. Ist dauerhaft Lärm vorhanden, können diese nötigen Ruhepausen nicht stattfinden.
Typische Geräuschquellen im Stall
Einige Geräuschquellen wirken auf Pferde besonders belastend, auch wenn Menschen sie oft längst ausblenden:
- Dauerbeschallung durch Radio oder Musik
- Lautes Schließen von Boxentüren, metallische Gittertüren
- Druckluftsysteme, Gebläse, Heizgeräte
- Ketten an Halftern und Trensenhaken
- Kieswege – Pferde reagieren darauf oft auffällig aufmerksam, was Besitzer manchmal fälschlich als „Anstellen“ deuten
- Solarien, Vibrationsplatten, Heuaufbereiter
- Laut telefonierende oder quatschende Menschen
- Waschmaschinen, Wasserpumpen, automatische Tränken
Warum Dauerlärm das vegetative Nervensystem belastet
Pferde bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Fluchtmodus und Entspannung. Dauerlärm hindert sie daran, zur Ruhe zu kommen – wobei Sympathikus und Parasympathikus nicht als reines Entweder-oder funktionieren, sondern auch gleichzeitig oder teilweise aktiv sein können.
Bei Dauerbeschallung entstehen häufig Probleme in der Verdauung: Der Parasympathikus steht für „Rest and Digest“, also Ausruhen und Verdauen. Die Peristaltik wird gefördert, wenn Pferde tatsächlich zur Ruhe kommen. Bei wiederkehrenden Verstopfungskoliken, Magenentleerungsstörungen oder wenig Darmgeräuschen lohnt sich deshalb auch der Blick auf die akustische Belastung.
Auch die Regeneration wird verringert, wenn Pferde dauerhaft im Sympathikotonus sind – mit spürbaren Auswirkungen bis in die rückenwärtige Muskel- und Faszienkette. Zusätzlich senkt viel Lärm die Konzentrationsfähigkeit, auch im Training, und verkürzt die Aufmerksamkeitsspanne.
Was sich verändern lässt
Es geht nicht darum, jegliches Geräusch fernzuhalten. Manche Arbeiten am Stall – Stallpflege, Hufschmied – sind unvermeidbar und gehören dazu. Entscheidend ist, zu unterscheiden, welcher zusätzliche Lärm vermeidbar wäre. Ein Laubpuster für die Stallgasse etwa ist praktisch, verursacht aber neben der Lautstärke auch erhebliche Staubbelastung – der klassische Besen, kombiniert mit einer Gießkanne gegen den Staub, wäre oft die leisere Alternative.
Mögliche Maßnahmen für weniger Lärm im Alltag:
- Stallruhezeiten einführen
- Türen mit Gummileisten abdämpfen
- Geräte regelmäßig warten lassen, damit sie nicht quietschen
- Ein leiseres Verhalten am Stall fördern, statt ständig zu rufen oder zu schreien
Fazit
Lärm ist ein Stressfaktor, der sich mit einfachen Mitteln reduzieren lässt und der bei chronischen oder wiederkehrenden Themen mehr Aufmerksamkeit verdient, als er meist bekommt. Bevor umfangreiche Therapiemaßnahmen greifen, lohnt sich der Blick auf die Geräuschkulisse im Stall – oft steckt schon dort ein Teil der Lösung.
Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Geräuschempfindlichkeit beim Pferd: Wenn Lärm im Stall zum Dauerstress wird“
