Wer Grenzen setzt, gilt in der Pferdebranche schnell als schwierig, unnahbar oder wenig hilfsbereit. Dabei zeigt der Umgang mit Pferden etwas anderes: Klare, gewaltfreie Grenzen sind die Voraussetzung für Vertrauen – nicht deren Gegenteil. Denise Schäfer erklärt in dieser Folge von „Pferde, Schäfer und Menschen“, warum Grenzen setzen für Pferdetherapeuten kein Nice-to-have ist, sondern Grundlage für gesunde, tragfähige Arbeit – für sich selbst und für die Kunden.
Was Pferde uns über Grenzen lehren
Pferde kommunizieren ihre Grenzen sehr klar – auch wenn manche Rassen oder Individuen das deutlich subtiler zeigen als andere. Kommt es zwischen Mensch und Pferd zu Missverständnissen und werden Grenzen dabei nicht eindeutig gesetzt, ist Aggression beim Pferd nach Denises Erfahrung fast immer menschengemacht: Das Tier verliert die Möglichkeit, fein zu kommunizieren, spürt, dass seine Körpersprache nicht geachtet wird, und reagiert schließlich aus Hilflosigkeit. Respektvoller Umgang bedeutet dabei ausdrücklich nicht, alles mit sich machen zu lassen – klare Kommunikation setzt klare, gewaltfreie Grenzen voraus, die sich auch körpersprachlich deutlich zeigen dürfen.
Warum Therapeuten besonders oft an ihre Grenzen geraten
Gerade in helfenden Berufen ist das Risiko groß, sich grenzenlos für andere aufzureiben. Ständige Erreichbarkeit, endlose Sprachnachrichten, ungefragte Ratschläge oder Kunden, die während laufender Behandlungen oder Pausen noch schnell „eine Frage“ haben – all das kostet Energie, die an anderer Stelle fehlt. Wird diese Energie dauerhaft nicht geachtet, folgt langfristig ein Mangel an physischer und psychischer Gesundheit. Es anderen recht zu machen schafft zwar vermeintlich Bindung, funktioniert aber nur, solange auch für die eigene Regeneration Raum bleibt – ganz ähnlich wie bei einem Sportler, der Trainingsreize ohne Erholungsphasen setzt.
Vier typische Situationen aus dem Pferdealltag
Grenzüberschreitungen sehen in der Praxis oft unspektakulär aus: der Stallbetreiber, der spätabends noch für spontane Zusatzwünsche erreichbar sein soll; der Pferdebesitzer, der ungefragt Ratschläge zur Gesundheit seines Pferdes bekommt; der Reitlehrer, der mitten im bezahlten Unterricht angequatscht wird; oder der Therapeut, der nach einem vollen Behandlungstag noch schnell „kurz vorbeischauen“ soll. Keine dieser Situationen wirkt für sich genommen dramatisch – in der Summe führen sie aber genau zu der Erschöpfung, vor der Denise warnt.
Eine Grenze klar formulieren, ohne zu verletzen
Eine bewährte Struktur: erst Wertschätzung für das Anliegen des Gegenübers ausdrücken, dann die eigentliche Grenze klar benennen, danach einen freundlichen Abschluss setzen. Ein Beispiel: „Ich weiß, dass du mir helfen möchtest. Ich bin jedoch bereits gut informiert und habe mir bereits professionelle Hilfe geholt, und ich möchte, dass du dich nicht wieder einmischst, auch wenn es gut gemeint ist.“ Wird das dann trotzdem persönlich genommen, ist das nicht mehr das Problem desjenigen, der die Grenze gesetzt hat – die eigene Position wurde klar kommuniziert. Bei sehr dominantem oder respektlosem Verhalten darf dieser Weichmacher auch entfallen: Ein knappes „Stopp, das ist meine persönliche Angelegenheit“ reicht dann völlig aus.
Entscheidend ist außerdem, einmal gesetzte Grenzen konsequent einzuhalten. Wer „erreichbar bis 18 Uhr“ kommuniziert, aber trotzdem um 20 Uhr ans Telefon geht, signalisiert damit, dass diese Grenze eigentlich nicht existiert – und wird entsprechend behandelt.
Auch fachlich klare Grenzen setzen
Grenzen betreffen bei Pferdetherapeuten nicht nur die eigene Erreichbarkeit, sondern auch den fachlichen Verantwortungsbereich. Wer sich als Osteopathin auch einen Sattel anschaut, ist deshalb noch keine Sattlerin und sollte das auch so kommunizieren. Wer Impulse fürs Training gibt, übernimmt damit nicht automatisch das Training selbst. Diese fachliche Abgrenzung schützt nicht nur die eigene Reputation, sondern schafft für Kunden echte Klarheit darüber, wofür sie sich an wen wenden sollten.
Warum das kein Egoismus ist
Hinter dem Anspruch, grenzenlos für alle da zu sein, steckt oft das Bedürfnis nach Anerkennung und Bindung – beides legitime Grundbedürfnisse. Klare Grenzen stehen dem nicht entgegen, sondern schaffen erst die Voraussetzung dafür, dass Bindung auf Dauer trägt: Wer weiß, woran er bei jemandem ist, kann sich auf diese Person verlassen. Das gilt für die Beziehung zwischen Pferd und Mensch genauso wie für die zwischen Therapeut und Kunde.
Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Warum Grenzen setzen nicht egoistisch ist, sondern wertschätzend“
