„Was mache ich bei…?“ oder „Was hältst du von…?“ – das sind die häufigsten Fragen, die Denise Schäfer gestellt bekommt. Verständlich, denn wer möchte seinem Pferd nicht schnell helfen? Doch in dieser Folge von „Pferde, Schäfer und Menschen“ erklärt Denise, warum die Erwartung einer schnellen, allgemeingültigen Antwort oft genau der Grund ist, warum Therapie langfristig nicht greift.
Warum es keine Standardlösung gibt
Eine kurze Frage suggeriert, dass es eine richtige Antwort gibt – eine Lösung, die man nur anwenden muss, und schon funktioniert es. Das entspricht nicht der Realität der Therapie. Bei akuten Verletzungen kann eine schnelle, einfache Maßnahme durchaus greifen. Bei chronischen oder multimorbiden Pferden braucht es dagegen Zeit, um das Gesamtbild zu beleuchten – denn nicht jedes Pferd hat die gleichen Voraussetzungen, um auf dieselbe Therapie gleich zu reagieren.
Denise arbeitet nicht mit Rezepten, sondern mit den Reaktionen des Pferdes und mit Intuition, die auf Erfahrung und Wissen aufbaut. Sie bietet eine Technik oder einen Impuls an und beobachtet, was der Körper daraus macht. Funktioniert das nicht, folgt der nächste Versuch. Therapie ist damit kein Baukasten, aus dem sich für Problem A automatisch Technik B ziehen lässt – Biologie funktioniert nicht nach diesem Schema, und Körper reagieren nicht gleich, nur weil wir uns das wünschen.
Ein Fallbeispiel: wenn dieselbe Behandlung nicht gleich wirkt
Ein Pferd war extrem berührungsempfindlich im Kopfbereich. Am selben Stall hatte eine osteopathische Behandlung bei einem anderen Pferd mit ähnlicher Symptomatik zuvor sehr gut geholfen – die Erwartung war entsprechend hoch. Doch bei diesem Pferd blieb der erhoffte Effekt aus, die Empfindlichkeit nahm zunächst sogar zu. Die Besitzerin war enttäuscht, statt offen für die Frage zu bleiben, ob eine andere Ursache dahinterstecken könnte.
Genau an diesem Punkt, sagt Denise, hätte eine verantwortungsvolle Therapie eigentlich erst richtig angefangen: weiterschauen. Eine Rückmeldung, dass eine Behandlung nicht wie erhofft wirkt, ist wertvoll – sie ermöglicht eine Ausschlussdiagnostik. Wenn eine osteopathische Behandlung gründlich erfolgt ist und trotzdem keine Besserung bringt, liegt die Ursache vermutlich woanders. Nur weil der Osteotherapeut gerufen wird, liegt das Problem nicht zwingend in einer osteopathischen Läsion – und nur weil der Futterberater gerufen wird, liegt die Ursache nicht zwingend in der Fütterung. Manchmal steckt die eigentliche Belastung in der Haltung oder im sozialen Gefüge der Herde.
Warum Epigenetik den Blick auf Therapie verändert
Gene sind wie Klaviertasten – bei jedem Individuum ein wenig anders. Doch entscheidend ist der Klavierspieler: die Epigenetik, die bestimmt, wie ein Gen abgelesen wird. Genetische Dispositionen wie PSSM1 oder die bekannten MIM-Varianten beim Pferd machen laut Denise nur etwa 20 Prozent aus – der weit größere Anteil, rund 80 Prozent, entfällt auf die Epigenetik.
Zucker beziehungsweise schnell verfügbare Kohlenhydrate sind dabei ein zentraler Faktor – unabhängig vom Gewicht. Auch schlanke Pferde und Menschen sind betroffen: Zucker fördert stille Entzündungen, die wiederum die Bedingungen verschlechtern, unter denen Gene abgelesen werden. Ernährung und Bewegung sind damit die größten epigenetischen Schalter – nicht verhandelbar, unabhängig von der genetischen Ausgangslage eines Pferdes.
Fazit
Symptome schwanken, Rückfälle passieren – das gehört zur Realität der Therapie, auch wenn Social Media meist nur die Erfolge zeigt. Individuelle Therapie braucht Zeit, ehrliche Rückmeldung und die Bereitschaft, bei Misserfolgen weiterzuschauen statt vorschnell zu urteilen. Genau darin liegt für Denise der Unterschied zwischen einer schnellen Lösung und echter, nachhaltiger Gesundheit.
Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Echte Therapie beginnt dort, wo wir aufhören, einfach Antworten zu erwarten“
