„Die Zähne wurden gemacht“ – diesen Satz hört Denise Schäfer bei über der Hälfte aller Pferdebesitzer, wenn sie das Maul eines Pferdes zur Untersuchung öffnet. Verständlich: Nach dem Termin beim Pferdezahnarzt gilt das Thema als erledigt. Doch in dieser Folge von „Pferde, Schäfer und Menschen“ erklärt Denise, warum eine Zahnbehandlung mehr umfassen sollte als das Entfernen von Haken und Kanten – und warum Pferde Zahnschmerzen ganz anders zeigen als Menschen.
Mehr als Haken und Kanten
Wenn Denise das Maul eines Pferdes öffnet, schaut sie zunächst auf die Schleimhaut: rosig, blass oder gerötet? Gibt es Fisteln? Dazu kommt der Geruchstest – Mundgeruch von festsitzenden Futterresten unterscheidet sich deutlich von einem Magengeruch. Anschließend prüft sie die Beweglichkeit von Ober- und Unterkiefer in verschiedene Richtungen und beobachtet die Reaktion des Pferdes: Ist das eine normale physiologische Bewegungsgrenze, ein mechanisches Hindernis, oder zeigt das Pferd Schmerz? Solche Schmerzreaktionen können durch Entzündungen im Zahnbereich, verspannte Muskulatur, Kiefergelenksprobleme oder gereizte nervale Strukturen wie den Trigeminusnerv entstehen.
Wichtig: Diese Untersuchung ersetzt keinen Zahnarztbesuch. Sie liefert aber zusätzliche Hinweise – und zeigt, dass die Zähne über den Mundraum hinaus auf den gesamten Körper wirken, mit Bezug zu Organen, Gelenken und teilweise sogar zu emotionalen Themen.
Warum Zahnprobleme beim Pferd oft übersehen werden
Anders als Menschen zeigen Pferde Zahnschmerzen nicht offensichtlich. Der alte Grundsatz „Solange das Pferd frisst und nicht abmagert, braucht der Zahnarzt nicht zu kommen“ führt dazu, dass Probleme über Jahre unentdeckt bleiben können – etwa, wenn nicht gründlich genug mit dem Spiegel bis hinter den letzten Backenzahn geschaut wird. Ein übersehener Haken an dieser Stelle kann gegen die Gegenseite drücken und tiefgehende Schleimhautreaktionen verursachen, ohne dass das Pferd es deutlich zeigt.
Aus Denises Sicht braucht eine wirklich gründliche zahnärztliche Untersuchung Zeit – und ist ohne Sedierung deutlich schwieriger umzusetzen, auch wenn nicht jede Behandlung zwingend eine Sedierung erfordert. Bei der Wahl des Zahnarztes rät sie: Nicht der Titel entscheidet über die Qualität der Arbeit, sondern wie gründlich und selbstkritisch jemand tatsächlich arbeitet.
Ein Fallbeispiel: der übersehene Zusammenhang
Ein Pferd zeigte deutlichen Abbau, Rittigkeitsprobleme und Abgeschlagenheit. Bei der Untersuchung reagierte es subtil, aber wiederholt empfindlich im Kopfbereich – während andere Auffälligkeiten, etwa eine unbewegliche Brustwirbelsäule, sich als nicht ursächlich erwiesen. Entscheidend war am Ende eine Beobachtung der Besitzer: Ein Zahn war vor einem Jahr entfernt worden, seitdem hatte sich das Pferd zunehmend verschlechtert. Obwohl die Zähne kurz zuvor noch einmal kontrolliert und für unauffällig befunden worden waren, stellte Denise deutliche Thematiken im Kieferbereich fest.
Der Appell
Nicht nur nach Haken und Kanten schauen, sondern auf das, was Schleimhaut und Verhalten des Pferdes zeigen. Denises Appell an Pferdetherapeuten: den Blick offen halten für Themen jenseits des eigenen Schwerpunkts – und sich immer wieder selbst hinterfragen. Je mehr man weiß, desto klarer wird auch, was man noch nicht weiß.
Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Die Zähne sind gemacht. Zahnthematiken beim Pferd“
