„Das muss tierärztlich abgeklärt werden“ – diesen Satz kennt jeder Pferdemensch. Und in vielen Fällen stimmt er auch: Bei Verletzungen, Stürzen oder akuten Lahmheiten ist die Bildgebung beim Tierarzt oder in der Klinik der erste und wichtigste Schritt. Aber bei wiederkehrenden oder schon länger bestehenden Thematiken greift diese Antwort oft zu kurz. Denise Schäfer erklärt in dieser Folge von „Pferde, Schäfer und Menschen“, warum eine unauffällige Diagnose nicht automatisch bedeutet, dass nichts vorliegt – und warum ein auffälliger Befund nicht automatisch die eigentliche Ursache ist.
Befund und Symptomatik müssen zusammenpassen
Eine gute Bildgebung zeigt Strukturen – was da ist und was nicht da ist. Sie zeigt aber nicht, wie das gesamte System funktioniert, woher ein Schmerz kommt und wie Stoffwechsel, Stress und Belastung zusammenwirken. Deshalb lohnt bei jedem Befund die Rückfrage: Korreliert das mit der Symptomatik?
Aus dem Humanbereich kennen wir das Beispiel Bandscheibenvorfall: Viele Menschen haben einen Befund in der Bildgebung, ohne jemals Symptome zu entwickeln. Genauso hat Denise ein Pferd in Behandlung, das eine hochgradige Sprunggelenksarthrose hat – aber genau das ist nicht die eigentliche Baustelle des Pferdes. Als junges Pferd hieß es in der Klinik dazu nur: „Massive Arthrose, das Pferd sollten Sie nicht reiten.“ Ohne Einordnung und Begleitung ist eine solche Aussage für Besitzer wenig hilfreich.
Umgekehrt gilt das genauso: Eine Stute mit deutlicher Druckempfindlichkeit in der mittleren Brustwirbelsäule hatte einen komplett unauffälligen Bildgebungsbefund an dieser Stelle. Nur weil dort nichts sichtbar war, hieß das nicht, dass nichts vorlag. Wichtiger als der unauffällige Befund war am Ende die Beobachtung der Besitzerin: Eine gezielte Magentherapie – begonnen noch vor einer ebenfalls unauffälligen Gastroskopie – brachte die spürbare Verbesserung.
Die Frage nach dem ersten Symptom
Bei chronischen Fällen stellt Denise sich immer eine Frage: Was war das erste Symptom, das das Pferd gezeigt hat? Oft führt diese Spur weit zurück – etwa zu Fühligkeit, die viele mögliche Ursachen haben kann: Stoffwechselthematiken, Insulindysregulationen, chronisch stille Entzündungen, mangelnde Tragfähigkeit, Trainingsdefizite, Überlastung, aber auch Magen- oder Darmthematiken, die Entzündungsneigungen bis in die Extremitäten begünstigen können.
Ein Fallbeispiel macht das greifbar: Ein fühliges Pferd bekam Schmerzmittel und Eisen. Die Fühligkeit verschwand – aber durch Beschlag und Bearbeitung entwickelte sich über die Zeit ein ausgeprägter Zwanghuf: kleinerer Huf, aufgestauchte Ballen, kaum noch Strahl. Weil dem Huf jede Mechanik fehlte, wurde die aufsteigende Kette – Fesseltrageapparat und Sehnen – zunehmend stärker belastet. Am Ende stand eine Sehnenoperation, eine Reha, die nicht richtig griff, und ein Kreislauf aus erneuter Untersuchung und Behandlung. Auf den Huf selbst hatte in all der Zeit niemand geschaut. Der eigentliche Ausgangspunkt – eine Insulinsensitivitätsstörung, sichtbar in den Blutwerten – blieb unbehandelt.
Zusammenhänge verstehen statt nur Strukturen behandeln
Das Problem ist aus Denises Sicht selten die Diagnostik selbst – die ist heute oft sehr gut. Das eigentliche Problem ist, die Zusammenhänge zu verstehen. Dafür fehlt Tierärzten im oft eng getakteten Praxisalltag schlicht die Zeit. Genau hier sieht Denise die Rolle von Therapeuten: mehr Zeit für Erklärungen, für Begleitung, dafür, dass Pferdebesitzer verstehen, warum sie etwas tun sollen – denn nur was verstanden wird, wird auch konsequent umgesetzt.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, tierärztliche Abklärung infrage zu stellen. Bei Akutfällen, Verletzungen oder Lahmheiten ist sie unverzichtbar. Aber sie ist der Baustein, nicht der Endpunkt. Die Therapie der Zukunft liegt für Denise nicht in immer weiterer Spezialisierung, sondern darin, Zusammenhänge zu erkennen – interdisziplinär, über den eigenen fachlichen Horizont hinaus.
Ergänzungen kommen zuletzt, nicht zuerst
Kollagen, MSM oder entzündungshemmende Omega-3-Fettsäuren können sinnvoll sein – aber erst, wenn die Basis stimmt. Ohne funktionierendes Grundsystem ist jede Ergänzung wirkungslos. Diese Mittel sind das i-Tüpfelchen, nicht der Ausgangspunkt.
Die zentrale Unterscheidung, die Denise trifft: Man kann Symptome managen, oder man kann das System verändern und verstehen. Beides hat seinen Platz – aber nur eines davon löst das eigentliche Problem.
Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Die Diagnose ist nicht das Problem – sondern das Denken darüber“
