EOTRH – Equine Odontoclastic Tooth Resorption and Hypercementosis – war lange eine Erkrankung, die vor allem alte Pferde betraf. In der Praxis zeigt sich zunehmend ein anderes Bild: Immer mehr junge, adulte Pferde weisen bereits erste Auffälligkeiten auf. Wer als Therapeut oder Therapeutin früh hinschaut, kann viel für den langfristigen Erhalt der Zähne tun – auch wenn sich die Erkrankung selbst nicht rückgängig machen lässt.
Warum EOTRH so leicht übersehen wird
EOTRH bezeichnet je nach Pferd unterschiedliche Schwerpunkte: bei manchen überwiegt die Resorption von Zahnsubstanz, bei anderen die Hyperzementose (Knollenbildung an der Zahnwurzel), bei wieder anderen ein starker Rückgang des Zahnfleisches. Gemeinsam ist allen Verläufen, dass Pferde die damit verbundenen Schmerzen erstaunlich lange kompensieren, bevor Besitzer etwas bemerken.
Das liegt am Fluchttier-Verhalten: Wer in der Herde Schwäche zeigt, riskiert seine Position. Entsprechend zurückhaltend zeigen viele Pferde Zahnschmerzen – robuste Rassen wie Isländer, Tinker oder Shetlandponys noch subtiler als etwa Warmblüter. Genau deshalb lohnt sich ein regelmäßiger, geübter Blick, statt sich allein auf offensichtliche Symptome zu verlassen.
Frühzeichen, die leicht übersehen werden
Speicheln und Mundgeruch können erste Hinweise sein, sind aber unspezifisch – beides kann auch andere Ursachen haben, etwa Magenprobleme oder Futterreste zwischen den Zähnen. Aussagekräftiger ist ein einfacher Praxistest: Wie kraftvoll beißt das Pferd eine Möhre ab? Zögerliches, vorsichtiges Abbeißen ist auffällig, wird von Besitzern aber häufig als „das war schon immer so“ abgetan – genau diese Aussage sollte aufhorchen lassen.
Beim Blick ins Maul – Ober- und Unterlippe vorsichtig auseinandergezogen – zeigen sich oft Knollenbildung im Wurzelbereich, Einziehungen zwischen den Zähnen oder auffällig viel Zahnstein. Auch hier gilt: Ein Zahnarztbesuch allein („die Zähne sind gemacht“) schließt EOTRH nicht aus, wenn nicht spezifisch auf die Wurzelregion geachtet wurde. Da Zahnerkrankungen selten isoliert auftreten, lohnt sich zusätzlich ein Blick auf Hufe und Schleimhäute – EOTRH geht in der Praxis auffällig oft mit Problemen in diesen Bereichen einher.
Späte Symptome und ihre Grenzen
Berührungsempfindlichkeit im Kopfbereich, Rittigkeitsprobleme oder ein Pferd, das das Gebiss nicht annehmen will, können auf Zahnprobleme hindeuten – auch wenn andere Ursachen wie eine harte Reiterhand ebenso infrage kommen. Spätere Anzeichen sind verdicktes Zahnfleisch, lockere Zähne, das Schieben der Zunge zwischen die Zähne zur Druckentlastung, Meiden von kaltem Wasser oder Rückzug aus der Herde.
Wichtig für die Praxis: Bei einseitigen Problemen im Bereich der Backenzähne kompensieren Pferde oft über die gesunde Kauseite und bauen trotz erheblicher Zahnprobleme lange nicht sichtbar ab. Ein deutlicherer Hinweis kann der Rückgang der Kaumuskulatur sein, besonders im Bereich von Musculus masseter und Musculus temporalis – ein Pferd kann körperlich gut aussehen und im Gesicht trotzdem deutlich älter wirken, als es ist.
Tierärztliche Behandlung und ihre Grenzen
Die aktuell einzige tierärztliche Lösung ist die Kürzung, in fortgeschrittenen Fällen die Extraktion der betroffenen Schneidezähne. Beides bringt spürbare Entlastung, macht die Erkrankung selbst aber nicht rückgängig. Zunehmend wird begleitend eine Heilpilzmischung verschrieben, etwa mit Reishi oder Cordyceps – beide können antibakteriell und antientzündlich wirken, ein aus therapeutischer Sicht sehr willkommener Ansatz in der Schulmedizin.
Warum die reine Druck-Hypothese zu kurz greift
Ein verbreiteter schulmedizinischer Erklärungsansatz sieht die Ursache in zu hohem Kaudruck auf die Schneidezähne. Diese Hypothese überzeugt nur bedingt: Frühere Pferdegenerationen kauten deutlich härteres Futter – Gras, Äste – als die heutigen, oft sehr weichen und zuckerreichen Rationen. Der Kaudruck dürfte also eher ab- als zugenommen haben, während EOTRH zunehmend auch jüngere Pferde betrifft. Eine Druckentlastung durch Kürzung wirkt spürbar, das belegt aber nicht automatisch, dass Druck auch die eigentliche Ursache ist.
Nährstoffe und Grunderkrankungen als naheliegenderer Ansatz
Deutlich konsistenter lässt sich EOTRH mit Ernährung und Stoffwechsel in Verbindung bringen. Für die Zahngesundheit relevant sind vor allem Calcium (im Verhältnis zu Phosphor, nicht isoliert betrachtet), Magnesium, Zink, Kupfer – in deutschen Böden häufig im Defizit –, Vitamin D sowie Selen. Sowohl eine Selenintoxikation als auch ein Selenmangel werden mit EOTRH in Verbindung gebracht; bei Überschuss zeigt sich das Zahnfleisch oft blass oder gerötet mit kleinen roten Punkten.
Auffällig häufig tritt EOTRH zudem bei Pferden mit Cushing-Symptomatik beziehungsweise PPID auf, wo Stresshormone fehlreguliert sind und meist erhöhter Blutzucker sowie Insulinresistenz vorliegen – ebenso bei Pferden mit EMS. Der naheliegende therapeutische Ansatz ist deshalb nicht die isolierte Zahnbehandlung, sondern der Blick auf das gesamte Stoffwechselbild: Wo im Pferdekörper ist überhaupt Raum für eine solche Erkrankung entstanden?
Fazit für die Praxis
EOTRH lässt sich nicht rückgängig machen, aber früh erkennen. Ein regelmäßiger, geübter Blick ins Maul, der Möhrentest als einfaches Diagnostik-Werkzeug und die konsequente Einordnung in den gesamten Stoffwechsel- und Fütterungskontext bringen mehr als die reine Symptombehandlung an den Schneidezähnen. Wer als Therapeut die Basics – Fütterung, Haltung, Training – im Blick behält, legt damit auch für die Zahngesundheit eine wichtige Grundlage.
Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „EOTRH Früherkennung und Thesen zur Ursache“
