Wird bei einem Pferd Arthrose festgestellt, fällt im Stall häufig derselbe Satz: „Da kann man nichts machen, das ist halt so.“ Diese Einschätzung greift zu kurz. Ein wachsender Teil der funktionellen Medizin betrachtet Arthrose nicht in erster Linie als mechanischen Verschleiß, sondern als Stoffwechsel- und Entzündungsgeschehen, mit weitreichenden Folgen dafür, was Therapeuten und Pferdebesitzer tatsächlich beeinflussen können.
Mehr als Verschleiß: eine andere Definition
Klassisch wird Arthrose als degenerative Gelenkerkrankung beschrieben: Der Knorpel nutzt sich ab, ähnlich wie ein Autoreifen, und diese Abnutzung gilt als endgültig. Diese mechanische Sichtweise erklärt allerdings nicht, warum zunehmend auch junge Pferde und junge Menschen betroffen sind, obwohl medizinisches Wissen heute umfangreicher ist als je zuvor. Neuere Forschung, unter anderem von Dr. Feil, deutet darauf hin, dass Knorpelgewebe zu einem gewissen Grad regenerieren kann. Das bedeutet nicht, dass sich bereits zerstörter Knorpel vollständig wiederherstellen lässt, wohl aber, dass sich der Abbauprozess bremsen und in Teilen sogar umkehren lässt, wenn die richtigen Bedingungen geschaffen werden.
Warum der Schmerz oft nicht aus dem Knorpel kommt
Ein zentraler, in der Praxis oft übersehener Punkt: Der Gelenkknorpel selbst besitzt keine Schmerzrezeptoren. Der Schweregrad einer Arthrose sagt deshalb wenig über die tatsächliche Schmerzintensität aus. Es gibt Patienten mit Arthrose Grad 4, dem schwersten Grad, ohne jede Schmerzsymptomatik, und umgekehrt Fälle mit Grad 1 und ausgeprägten Beschwerden. Der Schmerz entsteht in der Regel nicht durch die Arthrose selbst, sondern durch die Entzündung des Gelenks, die aktivierte Arthrose oder Arthritis, sowie häufig durch begleitende muskuläre und fasziale Spannungen. Diese lassen sich vergleichsweise einfach überprüfen: Löst gezielte Manualtherapie die Verspannung, und lässt der Schmerz danach spürbar nach, kam er vermutlich nicht primär aus dem Gelenk. Für die Praxis heißt das: Ein Röntgenbefund mit Arthrose-Diagnose ist noch keine Erklärung für den Schmerz, den ein Pferd oder ein Mensch tatsächlich zeigt.
Der Stoffwechsel als Stellhebel
Bei Arthrose, ebenso wie bei hormonellen Störungen oder Autoimmunerkrankungen, spielt reine Genetik nach aktuellem Forschungsstand eine deutlich geringere Rolle, als lange angenommen wurde: etwa 20 Prozent. Die übrigen 80 Prozent gelten als epigenetisch beeinflussbar, also durch Lebensstil und Umweltfaktoren steuerbar. Ein entscheidender Hebel dabei ist die Ernährung. Es besteht eine direkte Verbindung zwischen Darm und Gelenken: Enzyme, die bei Darmentzündungen aktiv sind, finden sich auch im Gelenkgewebe wieder. Eine entzündungshemmende Ernährung, die Zucker und schnell verfügbare Kohlenhydrate reduziert, kann sich deshalb spürbar auf die Gelenkgesundheit auswirken. Übergewicht ist dabei nur ein Faktor unter mehreren, und ein kleinerer, als oft angenommen wird: Auch schlanke Pferde und Menschen mit gestörter Insulinsensitivität können deutlich entzündet sein.
Aus der funktionellen Medizin gibt es zudem Hinweise auf eine mögliche Kreuzreaktivität zwischen bestimmten Gluten-Fragmenten und dem Kollagen Typ 2 im Gelenkknorpel: Bildet der Körper Antikörper gegen Gluten, können diese unter Umständen auch Knorpelproteine angreifen. In der Praxis lässt sich das beobachten: Bei Pferden, die schon in jungen Jahren an Arthrose erkranken, zeigt sich in der Fütterungsanamnese auffällig häufig eine Aufzucht mit viel glutenhaltigem Getreide bei gleichzeitig wenig Bewegung.
Bewegung, die wirklich zählt
Bewegung im Wachstum ist ein weiterer entscheidender Faktor: Bekommt der Körper, ob Mensch oder Pferd, im Wachstum keine ausreichenden Bewegungsreize, baut er auch nicht genug Struktur auf, der Körper produziert grundsätzlich nur, was tatsächlich gebraucht wird. Dabei zählt nicht allein die Menge an Bewegung, sondern vor allem die Qualität: Gelenke sollten im vollen Bewegungsausmaß bewegt werden, damit der Knorpel nicht punktuell belastet wird. Auch im Erwachsenenalter gilt: Bloßes Bewegen reicht nicht, es braucht gezieltes Training mit überschwelligen Reizen, die tatsächlich zu einer Anpassung führen.
Nahrungsergänzung als Ergänzung, nicht als Basis
Mikronährstoffe wie Vitamin C und D, Aminosäuren, MSM, Glucosamin, Chondroitin oder Kollagen können die Gelenkgesundheit unterstützen. Entscheidend ist dabei die Reihenfolge: Diese Zusätze wirken nur dann, wenn die Basisernährung stimmt und der Darm gesund genug ist, um die Wirkstoffe überhaupt aufzunehmen. Wer als Therapeut Produkte empfiehlt, sollte deshalb auch auf die Trägerstoffe achten. Manche Produkte enthalten wertvolle Zusätze, bestehen aber zu einem Großteil aus Getreide wie Gerste als Trägerstoff, was der eigentlichen Zielsetzung entgegenwirken kann.
Ein weiterer Hebel, der in der Praxis oft zu kurz kommt: Stressreduktion. Dauerhafter Stress erhöht die Cortisolausschüttung und den Blutzuckerspiegel und fördert dadurch Entzündungsprozesse, bei Pferden ebenso wie bei Menschen. Fehlende Sozialkontakte, häufige Herdenwechsel oder Schlafmangel zählen bei Pferden zu den unterschätzten Stressfaktoren.
Fazit für die Praxis
Arthrose ist kein Urteil, sondern ein Auftrag, etwas zu verändern. Die größten Hebel liegen in der Ernährung, in gezielter Bewegung, in sinnvoll eingesetzten Mikronährstoffen und in der Stressreduktion. Und nicht jeder Arthrose-Befund ist automatisch das eigentliche Problem: Manchmal handelt es sich um einen Zufallsbefund ohne größere Auswirkung auf die Lebensqualität. Für die therapeutische Praxis bedeutet das vor allem, bei Schmerzen nicht vorschnell beim Gelenk selbst stehen zu bleiben, sondern Stoffwechsel, Ernährung, Bewegungsqualität und Stresslevel als Teil des Gesamtbildes mitzudenken.
Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Arthrose“
