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Braucht dein Pferd das wirklich?

    Was ein Gespräch mit Sabine Paulsen über Nahrungsergänzung zeigt

    Viele Pferdebesitzer kennen die Unsicherheit: Auf der einen Seite die Sorge, dem eigenen Pferd etwas vorzuenthalten. Auf der anderen Seite ein Markt mit einer kaum überschaubaren Zahl an Ergänzungsfuttermitteln. Sabine Paulsen, Gründerin der Marke Exquizid, stellt sich dieser Unsicherheit mit einer einfachen Frage, die sie selbst als Kind von ihren Eltern gehört hat: Braucht dein Pferd das wirklich?

    Die Basis kommt vor der Ergänzung

    Bevor überhaupt über ein bestimmtes Produkt nachgedacht wird, lohnt sich der Blick auf die Grundlagen: Bewegung, Wasserqualität, Heuqualität. Erst wenn diese Basis stimmt, wird es sinnvoll, gezielt zu ergänzen. Paulsen beschreibt das mit dem Bild eines Autos mit vier Rädern: Fehlt eines, hilft auch das beste Zubehör wenig – die Grundausstattung muss zuerst passen.

    Das gilt auch für die Belastung durch Umweltfaktoren, mit denen Pferde heute konfrontiert sind: Rückstände im Boden, im Wasser, im Futter. Diese Belastung lässt sich nicht vollständig vermeiden. Entscheidend ist daher weniger die Frage, wie man Belastung völlig ausschließt, sondern wie man die Belastbarkeit des Organismus stärkt – vor allem über den Darm, der laut Paulsen für einen Großteil des Immunsystems verantwortlich ist.

    Entgiftung ist kein Schalter

    Ein wiederkehrendes Missverständnis, dem Paulsen im Gespräch mit Pferdebesitzern begegnet: die Vorstellung, eine Entgiftungskur würde wie eine Tür wirken, die geöffnet wird, um Giftstoffe herauszulassen. Tatsächlich ist Entgiftung ein mehrstufiger Prozess, bei dem unter anderem Leber und Niere zusammenspielen. Ein Organismus, der bereits geschwächt ist – etwa durch Stress oder ein belastetes Immunsystem –, profitiert nicht automatisch von zusätzlicher Entgiftungsunterstützung. Unter Umständen bedeutet das für ihn zunächst eine weitere Belastung statt einer Entlastung.

    Weniger Inhaltsstoffe, mehr Konzept

    Statt ein Produkt zu entwickeln, das möglichst viele Wirkstoffe kombiniert, hat Paulsen bewusst auf ein reduziertes Portfolio gesetzt: wenige Produkte, wenige Inhaltsstoffe, dafür ein durchdachtes Konzept dahinter. Ihre Faustregel für Pferdebesitzern, die ein Ergänzungsfuttermittel beurteilen wollen: Je länger die Zutatenliste, desto größer die Skepsis, die angebracht wäre.

    Wissenschaft und Erfahrung müssen sich nicht ausschließen

    Im Gespräch geht es auch um das Verhältnis von Studienlage und Praxiserfahrung – ein Thema, das auf Social Media oft zugespitzt diskutiert wird. Paulsen plädiert für ein Gleichgewicht: Studien seien wertvoll, ersetzen aber nicht die eigene, über Jahre gewachsene Erfahrung. Denise Schäfer ergänzt aus therapeutischer Sicht, dass sie sich nach über 20 Jahren Praxis zunehmend auf ihr Gefühl und ihre Erfahrung verlässt – nicht anstelle von Fachwissen, sondern als zusätzliche Orientierung, wenn die Studienlage uneindeutig ist.

    Drei Leitfragen für die Praxis

    Für Therapeuten und Pferdebesitzern, die selbst entscheiden möchten, was ihr Pferd wirklich braucht, nennt Paulsen drei Ansatzpunkte:

    1. Das eigene Bewusstsein schärfen, statt Entscheidungen aus Gewohnheit oder Unsicherheit zu treffen.
    2. Sich ehrlich fragen, was das jeweilige Pferd tatsächlich braucht – individuell, nicht pauschal.
    3. Der eigenen Wahrnehmung vertrauen, statt sie zugunsten vermeintlicher Gewissheit zu übergehen.

    Für Therapeuten bedeutet das vor allem: Bevor eine Empfehlung ausgesprochen wird, lohnt sich der Blick auf das ganze Bild – Haltung, Bewegung, Stresslevel, Wasserqualität – statt vorschnell nach einem einzelnen Produkt zu greifen.


    Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge „Braucht dein Pferd das wirklich?“ mit Sabine Paulsen (Exquizid)