Der Darm des Pferdes – genauer gesagt das Mikrobiom in Blinddarm und Dickdarm – entscheidet über weit mehr als Verdauung. Im Gespräch mit Alex, die auf Biomequine Pferdebesitzer mit stoffwechselkranken Pferden begleitet, wird deutlich: Wer Kotwasser, Übergewicht, Hufrehe oder Allergien beim Pferd verstehen will, kommt am Mikrobiom nicht vorbei. Den Weg dorthin fand Alex, wie so viele in diesem Feld, über das eigene Pferd – ein ungarisches Warmblut mit starkem Kotwasser, dessen Ursache sie über zehn Jahre hinweg systematisch aufgearbeitet hat.
Was das Mikrobiom eigentlich ist
Ein Mikrobiom ist die Gesamtheit aller Mikroorganismen, die ein bestimmtes Areal besiedeln. Beim Pferd sitzt die größte Zahl davon im Blinddarm und Dickdarm – vor allem Rohfaserbakterien, die für die Energiebereitstellung und die Verdauung von Rohfaser zuständig sind. Ohne sie kann ein Pferd nicht überleben: Alles, was gefüttert wird, sollte letztlich auch diese Bakterien am Leben erhalten. Früher wurden Pferde vor allem deshalb nicht alt, weil sie irgendwann kein Heu mehr kauen konnten – keine Rohfaser mehr bekamen und daran starben. Erst Heucobs und andere Ersatzfuttermittel haben das verändert.
Warum Vielfalt so entscheidend ist
Ein hilfreiches Bild für das Mikrobiom: eine Fabrikhalle, in der im Idealfall jeder Mitarbeiter jede Aufgabe übernehmen kann. Fällt eine Schicht aus, springt eine andere ein. Bei geringer Artenvielfalt im Darm dagegen bleiben Aufgaben unerledigt – bestimmte Stoffe werden nicht oder nicht ausreichend produziert. Genau hier liegt das Problem der klassischen deutschen Weidegraswiese: Sie ist auf maximalen Ertrag getrimmt, nicht auf Vielfalt. Von Natur aus wäre ein Pferd auf großen Flächen unterwegs, würde mal von einem Strauch, mal von einem Baum fressen – das Bild vom Pferd, das nur auf der Wiese steht und Gras frisst, ist selbst schon eine Vereinfachung. Wer kann, sollte deshalb bewusst für mehr pflanzliche Vielfalt sorgen: Weidegang im Wald, verschiedene Kräuter, alles, was über reines Wiesengras hinausgeht.
Der Fruktan-Mythos bei Hufrehe
Kaum ein Thema ist beim Weidemanagement so mythenbehaftet wie Fruktan. Die weit verbreitete Sorge vor der Fruktanampel geht auf eine Studie zurück, in der Pferden über eine Nasenschlundsonde in kurzer Zeit drei bis fünf Kilogramm reines Fruktan verabreicht wurden – eine Menge, die über normalen Weidegang praktisch nicht erreichbar ist. Dass trotzdem so viele Pferde an Hufrehe erkranken, liegt nicht am Fruktan selbst, sondern schlicht daran, dass modernes Weidegras insgesamt sehr viele leicht verfügbare Kohlenhydrate liefert – für einen Organismus, der darauf nicht ausgelegt ist. Die praktische Konsequenz ist nicht radikales Anweideverbot, sondern ganzjähriger, dosierter Kontakt zu Gras – auch im Winter zwei- bis dreimal pro Woche –, damit der Verdauungstrakt sich nicht jedes Frühjahr komplett neu umstellen muss.
Was das Mikrobiom sonst noch belastet
Schon das Fohlen übernimmt das Mikrobiom der Mutter – ist dort etwas aus dem Gleichgewicht, wird das direkt weitergegeben. Dazu kommen im Lauf des Pferdelebens weitere Belastungsfaktoren: stärkereiche Aufzuchtfuttermittel, unbegründete Wurmkuren, inflationär eingesetzte Antibiotika und Magenmedikamente, Dauerstress sowie eine Haltung, die Pferde von Umweltkontakt abschneidet – nicht nur von anderen Pferden, sondern auch vom Wald, vom Boden, von der mikrobiellen Vielfalt draußen.
Allergie oder Unverträglichkeit?
Eine Allergie triggert das Immunsystem und löst eine Entzündungsreaktion aus, oft schon bei geringsten Mengen eines Stoffs. Eine Unverträglichkeit dagegen zeigt sich meist erst bei größeren Mengen: Der Körper kommt mit etwas nicht zurecht und will es möglichst schnell wieder loswerden, ohne dass eine Immunreaktion im eigentlichen Sinne dahintersteckt. Was häufig als Allergie bezeichnet wird, ist in der Praxis oft eine Unverträglichkeit – ein wichtiger Unterschied, weil Allergien deutlich schwerer zu behandeln sind. Bei Pferden mit ausgeprägten Haut- oder Juckreizthemen empfiehlt sich deshalb grundsätzlich, neue Futtermittel einzeln und langsam einzuführen.
Der Darm wirkt weit über die Verdauung hinaus
Über die Darm-Hirn-Achse und die Darm-Gelenk-Achse beeinflusst das Mikrobiom weit mehr als das Verdauungssystem. Die Verbindung vom Darm zum Gehirn ist sogar stärker als umgekehrt – nicht nur über Nervenbahnen, sondern auch über Stoffwechselprodukte, die in die Blutbahn gelangen, sowie über das Immunsystem, dessen Zellen zum großen Teil in der Darmschleimhaut gebildet werden. Wie eng diese Verbindung sein kann, zeigt ein Fallbeispiel aus der Humanmedizin: Bei einer fäkalen Mikrobiomtransplantation übernahm eine Patientin nicht nur das verbesserte Verdauungssystem ihres Spenders, sondern auch dessen Neigung zu Depressionen. Auch Beschwerden im Bewegungsapparat, die zunächst rein funktionell erscheinen, können ihren Ursprung im Magen-Darm-Trakt haben.
Probiotika wie Hefen: mit Vorsicht zu genießen
Zu häufig eingesetzten Zusätzen wie Saccharomyces cerevisiae herrscht bei Alex und Denise Einigkeit: Beide setzen es nicht dauerhaft ein. Es ist kein körpereigener Stoff, kann aber kurzzeitig die Rohfaserverwertung und die Regulation des Mikrobioms verbessern – die Erfahrung zeigt allerdings, dass es entweder gut wirkt oder komplett nach hinten losgeht. Bei manchen Pferden löst es sogar Durchfall aus. Grundsätzlich gilt: Impulse setzen, dann wieder weglassen, statt dauerhaft zuzufüttern, was der Körper eigentlich selbst regulieren sollte.
Bewegung als zweite Säule
Fütterung allein reicht nicht – Haltung, Bewegung und Fütterung müssen als Gesamtkonzept zusammenpassen. Gerade bei Hufrehe ist Bewegung der Schlüssel, damit der Stoffwechsel wieder funktioniert: Ein Hufrehe-Pferd ist zunächst nicht trainierbar, aber der erste Schritt ist, es wieder bewegbar zu machen. Wichtig dabei ist, dass die Bewegung sowohl dem Pferd als auch dem Besitzer Spaß macht – wer sich selbst zu starrem Training zwingt, das weder Pferd noch Mensch guttut, wird es kaum durchhalten. Ob Bodenarbeit, Spaziergänge über Stock und Stein oder klassisches Training: Entscheidend ist, dass beide Seiten motiviert bleiben.
Praktischer Rat zum Schluss
Wenn du wissen willst, ob ein Futtermittel wirklich hält, was die Verpackung verspricht, lohnt ein Blick auf die Zutatenliste: Ein „Kräutermüsli“ mit einem Kräuteranteil von nur wenigen Prozent kann kaum die versprochene Wirkung entfalten. Wichtiger als das perfekte Ergänzungsfuttermittel ist eine möglichst vielfältige Grundration – denn am Ende füttert man nicht in erster Linie das Pferd mit seinen großen, treuen Augen, sondern die Bakterien, die es gesund halten.
Quelle: Podcast „Pferde, Schäfer und Menschen“ – Folge im Gespräch mit Alex (Biomequine)
